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  • Lena Eller

Wir leben nicht um zu arbeiten - von Leistungsdruck und Lebensfreude

Mit diesem Neumond endet für mich ein Kapitel, das mich schon seit meiner frühen Kindheit, vielleicht auch schon seit meiner Geburt begleitet. Dieses Kapitel heißt Leistungsdruck. Ich weiß natürlich nicht, ob ich dieses Kapitel schon komplett abschließen kann oder ob sich irgendwann noch mal eine weitere Schicht davon zeigt, aber es fühlt sich so an als ob ich mit diesem Neumond einen wesentlichen Meilenstein erreicht habe.


Ich musste in den letzten Tagen an der See viel darüber nachdenken, dass ich eigentlich immer gern zur Schule gegangen bin und gelernt habe. Wenn andere nach der Schule sich vielleicht vor den PC oder Fernseher gesetzt haben, hab ich Vokabeln gelernt - einfach weil ich Spaß dran hatte. Auch Hausaufgaben habe ich immer gerne gemacht und ich war immer stolz, wenn ich gute Noten geschrieben habe. Auch im Studium ist das so geblieben. Und hinterher im Job habe ich Spaß am Arbeiten gehabt. Rückblickend ging es in meinem Leben immer darum mich zu steigern. Das Abi war gut, der Bachelor war besser, der Masterabschluss als Jahrgangsbeste und mit Auszeichnung. Im Job ging es dann darum, mein Gehalt zu steigern und mehr Verantwortung zu übernehmen. Der typische höher-schneller-weiter-Mindset unserer kapitalistischen Gesellschaft. Privat ging es auch darum mich zu optimieren. Gesunde Ernährung, Sport, aber nicht, weil ich Spaß dran hatte, sondern aus Gründen der Perfektion. Irgendwann hab ich noch aufgehört zu rauchen, Fleisch zu essen, Alkohol und Kaffee zu trinken.


Dann kam die spirituelle Komponente dazu und ich hatte auch noch ein Mittel gefunden um meine Traumata, Muster und Programmierungen aufzulösen und mich so auch auf geistiger Ebene zu perfektionieren. Und an diesem Wochenende an der See hab ich mich gefragt, was bleibt denn eigentlich noch von mir übrig, wenn ich mich immer weiter perfektioniere? Habe ich vor lauter Optimierung eigentlich noch Spaß am Leben? Auf dem Rückweg mit meiner schlafenden Tochter im Auto dachte ich plötzlich, ich möchte nicht, dass es bei ihr nur um gute Schulnoten geht. Sie soll Spaß haben und gleichzeitig merkte ich, wie sich ein komisches Gefühl in mir meldete. Mein Gedanke, hatte mich selbst getriggert. Da war scheinbar noch ein Anteil von mir, dem es doch darum ging, gut zu sein und immer besser zu werden. Im Moment der Bewusstwerdung löste sich dieser Anteil auf und heute, Neumond im Stier, kann ich es auch erstmals umsetzen.


Ein großer Leistungsdruck ist von mir abgefallen. Dieser Druck hat in den vergangenen Jahren viel Energie von mir blockiert. Wenn ich mir Dinge vorgenommen habe und diese angehen wollte, hab ich den Druck schon so enorm gespürt, dass ich erst gar nicht angefangen habe. Dieses Phänomen nennt man Prokrastination. Ein Überforderungsgefühl, das einen dazu verleitet, die Dinge, die man eigentlich tun möchte, aufzuschieben, was das Gefühl des Drucks noch steigert. Ein Teufelskreis.


Was mein Business angeht, kamen mir heute dann auch schon die ersten Erkenntnisse, denn eigentlich bin ich aus meinem Konzernjob ausgestiegen, weil mich der immense Leistungsdruck, der dort herrschte, gestört hat. Immer weiter optimieren, immer mehr schaffen. Kein Wunder, dass ich im Konzern gelandet bin, weil ich dieses Muster ja selbst in mir trug. Ein erster wichtiger Schritt war also aus dem System auszusteigen, in dem dieses Muster kultiviert wird. Dennoch hat es fast drei Jahre gedauert bis ich an diesen Punkt gekommen bin, wo mir bewusst geworden ist, dass ich dieses Muster selbst in mir trage und erst in mir auflösen darf bevor ich mein Business wirklich so leben kann wie ich es mir gewünscht und vorgestellt habe. Ohne den Druck viel tun zu müssen und Monat für Monat mehr Umsatz generieren zu müssen.


Ich habe mein Business gestartet, weil ich mir einen Job gewünscht habe, in dem ich selbstbestimmt arbeiten kann, wann und wieviel ich möchte und dass ich Freude an dem habe was ich tue. Zwischenzeitlich hat sich meine Arbeit nicht so freudvoll angefühlt, weil mein kapitalistischer Glaubenssatz, das Geschäft muss wachsen, sich immer wieder gemeldet hat und mich zum Aktionismus angetrieben hat. Mehr Follower auf Instagram, mehr Kunden, mehr Umsatz, Preiserhöhung... Also genau der Mindset, über den ich mich im Konzern immer aufgeregt habe. Eine weitere Ausprägung des Kapitalismusgedanken: Soll ich mir die Mühe machen Produkt A oder B überhaupt anzubieten? Lohnt sich das finanziell? Lohnt sich der Arbeitseinsatz? Heute denke ich, ich kreiere meine Produkte doch, weil ich Spaß dran habe. Kinder malen doch auch keine Bilder, weil sie sie verkaufen wollen.


Meine wichtigste Erkenntnis: mein Business muss nicht immer wachsen. Es darf Schwankungen geben und ich darf im Vertrauen bleiben, dass ich trotzdem immer versorgt sein werde und es mir in finanzieller Hinsicht an nichts mangeln wird. Bei diesem Business geht es darum, mich selbst zu entwickeln, destruktive Glaubenssätze aufzulösen und vom Arbeiten mehr zum Leben zu kommen. Den Fokus von Arbeiten für Geld oder Arbeiten um anderen zu helfen mehr auf Arbeiten, weil es mir Freude macht zu richten. Und im Vertrauen zu bleiben, dass Geld verdienen und anderen helfen positive Nebeneffekte meiner Arbeit sind. Den Schalter in meinem Kopf von Optimieren auf Leben umlegen.


Und das ist es aus meiner Sicht auch, was wir als Gesellschaft lernen dürfen. Wir leben nicht um zu arbeiten. Wir arbeiten auch nicht um zu leben. Wir leben und wir dürfen uns eine Arbeit suchen, die uns Freude bereitet und ins Vertrauen gehen, dass diese Arbeit uns versorgt und gleichzeitig einem höheren Wohle dient. Und wenn wir nicht mehr leben um zu arbeiten, braucht es auch viel weniger Kompensation in Form von übersteigertem Konsum, weil wir die Freude in unserem Tun finden und nicht mehr in Shoppingexzessen oder übersteigertem Alkohol- oder Süßigkeitengenuss.


Das Wachstum im Außen - entweder in die Breite (Gewichtszunahme) oder in finanzieller Hinsicht - wird durch inneres Wachstum abgelöst. Die Gesellschaft versteht, dass alles ein Kreislauf ist, dass Geld fließen muss und nicht dazu gedacht ist, festgehalten (gespart) oder zur Geldvermehrung investiert zu werden.


Ich lebe heute mit einem Fünftel des Einkommens, das ich 2018 verdient habe und ich kann nicht sagen, dass ich schlechter lebe. Immer wenn der Wunsch aufkam, mehr zu verdienen oder meinen Umsatz zu steigern, habe ich mich schon gefragt, was ich dann eigentlich mit dem ganzen Geld mache. Im April hatte ich einen absoluten Rekordmonat, in dem sich mein Umsatz vervierfacht hat. Das Resultat war immenser Stress, wenig Zeit für meine Familie und für mich. Das ist genau das, was ich in meinem Leben nicht mehr wollte. Dann lieber weniger Umsatz und mehr Lebensqualität.


Und ein letzter Gedanke: indem ich so verbissen an dem Gedanken festgehalten habe, dass ich viel tun muss und dass mein Business wachsen muss, habe ich vielleicht gerade blockiert, dass genau das passieren kann. Schon allein, dass ich mich jetzt einfach hingesetzt habe und diesen Artikel für meinen Blog geschrieben habe, zeigt mir, dass ich jetzt vielleicht erst richtig bereit bin an meinem Business zu arbeiten. Weil ich es aus einer Freude heraus tue und nicht aus dem Druck heraus mein Business erfolgreich machen zu müssen.


Beitragsbild: Photo by Luis Villasmil on Unsplash


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